Themenstellung
Exposé für das Symposium „Der Hintergrund des buddhistischen Modernismus“, im EKŌ‑Haus, Düsseldorf, Fr 25.09.2026–So 27.09.2026
Der Begriff des „buddhistischen Modernismus“ findet sich schon in den Schriften von Heinz Bechert, aber erst David L. McMahan hat mit seinem Werk „The Making of Buddhist Modernism“ (2008) einen neuen Ansatz in den Diskurs gebracht, indem er darauf hinwies, dass die Menschen in der Gegenwart ganz verschiedene Zugangsmöglichkeiten zum Buddhismus haben: Ein traditioneller Mönch in Sri Lanka, ein amerikanischer Dharmalehrer oder ein asiatischer Modernisierer, der einen westlichen Universitätsabschluss besitzt und am buddhistischen Diskurs auf Englisch teilnimmt, unterscheiden sich nicht nur stark in ihrer Ausbildung, sondern auch in ihrem Buddhabild und ihrer religiösen Praxis. Der Buddhismus erweist sich, wenn man ihn empirisch beschreibt, nicht als Einheit, sondern als ein Flickenteppich, in dem ganz unterschiedliche Mischungsverhältnisse zwischen Tradition und der noch zu definierenden „Moderne“ zutage treten.
Zum buddhistischen Modernismus, so hat die Forschung inzwischen herausgestellt, gehört nicht nur die Tendenz einer gewissen Hybridisierung und einer generalisierenden Rede über den „Buddhismus“ (etwa im Gegensatz zum „Christentum“). Es gehört dazu die Annahme, dass der Buddhismus von Anfang an eine zur Entmythologisierung neigende, und in diesem Sinne mit dem naturwissenschaftlichen Denken leicht zu vereinende religiöse Weltanschauung sei, und vieles mehr.
Als „entscheidende Episode in der Geschichte des Buddhistischen Modernismus“ (McMahan [2008], p. 91) gilt das “Weltparlament der Religionen”, das 1893 im Rahmen der Weltausstellung von Chicago stattfand. Hier trafen sich führende Vertreter östlicher Religionen wie Swami Vivekananda (Hinduismus), Anagarika Dharmapāla (Theravāda‑Buddhismus) und Shaku Sōen (Zen‑Buddhismus). Kiyozawa Manshi (Shin‑Buddhismus) steuerte Beiträge bei und Suzuki Daisetsu wirkte schon im Hintergrund. All diese Autoren präsentierten vor einem interessierten westlichen Publikum das, was wir bis heute im Wesentlichen mit dem Begriff „östliche Spiritualität“ verbinden. Sie errangen auf der Versammlung einen Achtungserfolg und kehrten dann in ihre buddhistischen Heimatländer zurück, wo der Buddhismus durch die hereinbrechenden technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen einem hohen Anpassungsdruck ausgesetzt war.
Der „buddhistische Modernismus“ dieser ersten Generation scheint über alle buddhistischen Ländergrenzen hinweg, durch eine gewisse Einheitlichkeit der Ideen gekennzeichnet, die sich wohl der Tatsache verdankt, dass seine Vertreter gegenüber den westlichen Kolonialmächten den Osten („Orient“) repräsentierten. Man reagierte sehr sensibel auf die wissenschaftliche Buddhismus‑Rezeption des neunzehnten Jahrhunderts (Autoren wie E. Burnouf, die Veröffentlichungen der Pali Text Society usw.). Andererseits bemühten sich asiatische Buddhisten dieser Generation energisch um die Aneignung wissenschaftlicher Methoden (z. B. der Philologie eines Max Müller) und der westlichen Philosophie. Sie strebten einen Brückenschlag zwischen Ost und West an, indem sie den Buddhismus erstmals mit Begriffen aus dem Gedankensystem des Westens beschrieben. Hierbei spielte der amerikanische Pragmatismus, der deutsche Idealismus und später die Phänomenologie usw. eine entscheidende Rolle.
Wie eine Brücke, die in beide Richtungen offen ist, hat dieser frühe buddhistische Modernismus seine Auswirkungen sowohl im Westen als auch in den buddhistischen Ursprungsländern gehabt. Im Westen ist er der Anfangspunkt, von dem aus der Erforschung des Buddhismus ein Dialog mit dem Buddhismus wurde. In Ländern wie Japan ist er nicht weniger entscheidend für die Rezeption der westlichen Philosophie, die Modernisierung der buddhistischen Institutionen, die Gründung buddhistischer Universitäten usw. In beiden Fällen ist die Wissenschaft selbst involviert, andererseits sind es aber auch – insofern wir global in einem wissenschaftlichen Zeitalter leben und im Westen eine Beschäftigung mit dem Buddhismus ohne Vermittlung der Wissenschaft gar nicht möglich ist – die „religiösen Akteure“ in Ost und West selbst. So ist das „Spektrum der Tradition und des Modernismus“ erst entstanden, auf das McMahan hingewiesen hat.
In dem Symposium wollen wir gemeinsam einen Blick auf diese Geschichte werfen, und aus verschiedenen Perspektiven darüber klar werden, was überhaupt geschehen ist und welche Auswirkungen es hatte. Insofern wir alle Erben dieses Geschehens sind, soll das Symposium eine Gelegenheit sein, über die Grundlagen der eigenen Wissenschaftlichkeit und vielleicht sogar der eigenen Spiritualität nachzudenken.